Der Umgang mit Wildpflanzen in unserer Gesellschaft und was die Wildpflanzen für uns sein können

Ein Interview mit: Irmengard Linder von Kräuterhoch3

Irmengard Linder

Kräuterhoch3

Als ausgebildete Wildkräuterpädagogin und Bergwanderleiterin zeigt Irmengard Linder anderen Menschen die Schönheit und Schätze der Natur und ihre Heilkräfte für Körper, Geist und Seele nach überliefertem Wissen.

Das alte Wissen über die Verwendung von Wildpflanzen als Nahrung oder zur Gesundheit ist überaus vielfältig und wertvoll. Dieses Wissen gibt Irmengard Linder in ihrer Wildpflanzenschule Chiemgau an Interessierte und Begeisterte weiter.


www.kraeuterhoch3.de

10 Fragen

zum Thema Wildpflanzen

Irmengard, Du warst wahrscheinlich schon immer viel in der Natur - Du bist unter anderem Bergwanderleiterin und vor allem beschäftigst Du Dich seit vielen Jahren als Wildkräuterpädagogin mit der Heilkraft der heimischen Wildpflanzen. Das Verhältnis vieler Menschen zu Wildpflanzen (unter Hobbygärtnern auch als Unkraut bezeichnet) ist ja sehr unterschiedlich. 

Frage 1

Was ist eine

regionale

Wildpflanze, die

fast jeder

übersieht - aber ein echtes Superfood ist?

Eine regionale Wildpflanze, die wirklich oft übersehen wird, aber enormes Potenzial hat, ist die Brennnessel. Viele kennen sie zwar – oft als lästiges Unkraut – aber nur wenige wissen, was für ein wahres Superfood sie eigentlich ist. Man kann sagen: Von der Brennnessel könnte man fast leben, sie liefert alles, was man zum Überleben braucht.


Das Besondere ist, dass wirklich alle Pflanzenteile genutzt werden können – Blätter, Samen und sogar die Wurzel. Sie enthält eine Vielzahl an Mineralstoffen und Vitaminen - Kalium, Kieselsäure, Eiweiß, Folsäure,  Vitamin A, Vitamin E, Vitamin B, Chlorophyll, u. a.  Damit ist sie nicht nur ein hervorragendes Nahrungsmittel, sondern auch ein altbewährtes Heilmittel. Ob als Tee, in der Suppe oder roh im Smoothie – die Brennnessel ist ein echtes Kraftpaket direkt vor unserer Haustür.

Frage 2

Warum haben wir

in unserer Gesellschaft verlernt,

Wildpflanzen als wertvolle Verbündete

zu sehen und was würdest Du Dir für den Umgang mit Wildpflanzen

in der Gesellschaft wünschen?

Ich denke, wir haben in unserer Gesellschaft vor allem deshalb verlernt, Wildpflanzen als wertvolle Verbündete zu sehen, weil viel Wissen darüber in der letzten Generation verloren gegangen ist. Früher war es ganz selbstverständlich, Wildkräuter zu sammeln und zu nutzen – dieses Wissen wurde in Familien weitergegeben. Heute ist das oft nicht mehr der Fall.


Dazu kommt, dass viele Menschen im Alltag wenig Zeit haben und sich schnell und bequem versorgen wollen. Und genau dafür gibt es ja auch jede Menge Möglichkeiten: Supermärkte, Lieferservices, eine riesige Auswahl an industriell hergestellten Lebensmitteln – die Konsequenz ist, dass Wildpflanzen im Alltag eine untergeordnete Rolle spielen.


Was ich mir wünschen würde, ist ein bewussterer Umgang mit dem, was da draußen wächst – mehr Wertschätzung für das, was uns die Natur direkt vor der Haustür bietet. Wildpflanzen sind nicht nur nährstoffreich und gesund, sie verbinden uns auch wieder stärker mit unserer Umgebung. Wenn wir anfangen, sie wieder als Teil unseres Alltags zu sehen, gewinnen wir ein Stück Selbstständigkeit und Naturverbundenheit zurück.

Frage 3

Die Menschen, die bei Dir Kurse in der Wildpflanzen-Schule Chiemgau belegen, haben wahrscheinlich bereits eine relativ positive Einstellung zu Wildpflanzen.


Kann man auch Menschen, die Wildpflanzen in ihrem Garten gar nicht gerne mögen, umstimmen und wenn ja, wie?

Das stimmt, viele Menschen, die zu mir in die Wildpflanzen-Schule Chiemgau kommen, bringen bereits ein gewisses Interesse oder Grundwissen mit. Aber es gibt genauso Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die ganz am Anfang stehen und noch gar keinen Bezug zu Wildpflanzen haben – außer vielleicht den, dass sie Wildpflanzen im eigenen Garten eher lästig finden.


Pflanzen wie Löwenzahn, Giersch oder Brennnessel haben da oft ein besonders schlechtes Image – viele sehen sie als Unkraut, das man mühsam entfernen muss. Aber genau da setzt meine Arbeit an. Wenn Menschen diese Pflanzen einmal anders erleben – zum Beispiel, indem sie daraus etwas Leckeres kochen oder sie einfach mal probieren – dann passiert oft etwas. Es kommt zu so einem Aha-Moment: „Wow, das schmeckt ja gut!“ oder „Das ist ja richtig gesund!“


Diese direkte Erfahrung verändert die Wahrnehmung. Plötzlich ist die Pflanze nicht mehr nur störend, sondern wird als etwas Wertvolles erkannt. Und genau das ist der Schlüssel, um auch skeptische Menschen für Wildpflanzen zu begeistern: Erleben statt nur drüber reden.

Frage 4

Was kann jeder tun,

um Wildpflanzen in seinen Alltag zu integrieren - ohne Garten oder Vorkenntnisse?

Auch ohne Garten oder Vorkenntnisse kann man Wildpflanzen ganz unkompliziert in den Alltag integrieren – man muss nur ein paar Dinge beachten. Ganz wichtig:  Nur das sammeln und verwenden, was man wirklich sicher kennt! Da sollte man kein Risiko eingehen.


Ein guter Einstieg sind geführte Kräuterwanderungen. Da bekommt man ein erstes Gefühl dafür, wie die Pflanzen aussehen, worauf man achten muss und was man mit ihnen machen kann. Das ist oft viel anschaulicher als jedes Bestimmungsbuch.


Und auch wer keinen eigenen Garten hat, findet viele Wildkräuter in der Natur – zum Beispiel am Waldrand, auf ungedüngten Wiesen oder sogar in Stadtparks, wenn man dort Stellen wählt, die nicht direkt an Wegen oder Hundespazierzonen liegen.


Wer lieber ganz sicher gehen will oder gerade keine Zeit zum Sammeln hat, findet manche Wildkräuter auch im Bioladen – zum Beispiel Brennessel, Bärlauch oder Löwenzahn. So kann man ganz einfach anfangen und nach und nach ein Gefühl für die Pflanzen bekommen.

Frage 5

Du bringst den

Menschen die Wildpflanzen

vor allem unter dem Aspekt der

Heilpflanzen nahe. In welchen Bereichen verlässt Du dich persönlich

vor allem auf die Heilkraft der Pflanzen?

Ich arbeite sehr gern mit der Heilkraft der Wildpflanzen – aber immer mit dem Blick auf das überlieferte Wissen aus der Volksheilkunde und dem, was alte Kräutergelehrte über Jahrhunderte weitergegeben haben. Dabei ist mir wichtig: Alles, was ich weitergebe, habe ich selbst ausprobiert. Ich möchte nichts empfehlen, was ich nicht auch selbst angewendet habe.


Für mich beginnt das schon im Alltag, vor allem in der Ernährung. In meiner Küche landen regelmäßig Wildpflanzen – sei es im Salat, in der Suppe, als Gemüse, Brotaufstrich oder Tee. Das ist nicht nur geschmacklich spannend, sondern auch gesundheitlich sinnvoll: Wildpflanzen enthalten im Schnitt rund 30 % mehr Vitamine und Mineralstoffe als vergleichbare Kulturgemüse aus dem Supermarkt. Das macht sie für mich zu einer ganz natürlichen und sanften Möglichkeit, Körper und Gesundheit zu unterstützen – Tag für Tag.

Frage 6

Inwieweit spielt die Heilkraft von Pflanzen auch in Deiner täglichen Ernährung eine Rolle?

Die Heilkraft der Pflanzen ist für mich ein ganz natürlicher Bestandteil der täglichen Ernährung. Ich versuche, jeden Tag mindestens eine Hand voll Wildpflanzen zu essen. Das lässt sich gut in den Alltag einbauen und bringt nicht nur Geschmack, sondern auch viele wertvolle Inhaltsstoffe mit.


Auch Tees aus Wildkräutern gehören bei mir einfach dazu – je nach Jahreszeit und Bedarf. Und was ich fast täglich verwende, sind selbstgemachte Kräutersalze, Essige und Öle mit Wildpflanzen. Damit würze ich ganz klassisch beim Kochen oder auch einfach mal ein Brot.


Es sind oft diese kleinen alltäglichen Dinge, die in der Summe eine große Wirkung haben – und die zeigen, wie einfach es ist, die Heilkraft der Natur im Alltag zu nutzen.

Frage 7

In Deiner

Wildkräuter-Manufaktur produzierst

und verkaufst Du verschiedene Produkte, die aus Wildkräutern hergestellt werden.

So können Deine Kunden Wildpflanzen einfach in ihren Speiseplan integrieren.


Welche Pflanzen sind nicht nur besonders gesund, sondern

werden aus Deiner Erfahrung

auch von den meisten Menschen geschmacklich gerne gegessen?

In der Manufaktur merke ich immer wieder, dass bestimmte Wildpflanzen nicht nur gesundheitlich viel zu bieten haben, sondern auch geschmacklich richtig gut ankommen – und das ist natürlich ideal, wenn man sie in den Alltag integrieren möchte.


Sehr beliebt ist zum Beispiel der Holunder. Aus den Blüten stelle ich Sirup und Essig her – das kennen viele noch aus der Kindheit, und der Geschmack ist einfach herrlich aromatisch.

Ein Klassiker, der fast immer gut ankommt, ist Bärlauch – vor allem im Frühling. Ich verarbeite ihn unter anderem zu Öl, das viele Kunden lieben, weil es so intensiv schmeckt und sich vielseitig einsetzen lässt.

Auch Pfefferminze, Rosmarin, Schafgarbe, Ringelblume oder Spitzwegerich, Brennessel, Melisse, Löwenzahn sowie Beeren und essbare Blüten werden gern verwendet – sei es als Tee oder in Kräuterölen. Sie bringen nicht nur feine Aromen mit, sondern auch eine ganze Reihe heilender Eigenschaften.


Dann gibt es natürlich auch besondere Spezialitäten wie Zirbenlikör oder Aronia-Likör – beides Produkte, die nicht nur durch ihren Geschmack überzeugen, sondern auch durch ihre Inhaltsstoffe.


Die rote und schwarze Johannnisbeeren und Zitrone ergänzen das Ganze wunderbar – sie bringen Frische und eine angenehme Säure, die viele sehr mögen.


Insgesamt versuche ich, Wildpflanzen so aufzubereiten, dass sie alltagstauglich und geschmacklich zugänglich sind. Denn nur wenn es schmeckt, bleiben die Pflanzen auch dauerhaft im Speiseplan.

Frage 8

In Deinen Kursen vermittelst Du das Wissen darum, welche Pflanzen und Pflanzenteile (also Blätter, Blüte, Rinde, Wurzel, Samen) zu welcher Jahreszeit gesammelt werden können.


Wann und mit welcher Pflanze beginnt für Dich das Wildpflanzenjahr

und wann und mit welcher Pflanze endet es?

Für mich beginnt das Wildpflanzenjahr ganz klar mit dem Bärlauch – meistens im März. Sobald die ersten grünen Spitzen aus dem Boden kommen, weiß man: Jetzt geht’s los! Bärlauch ist eine echte Kraftpflanze, er reinigt unseren Körper nach dem Winter und hat eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System. Man kann alles von ihm essen - auch die Blüten.


Das Ende des Wildpflanzenjahres markiert für mich der Beinwell, etwa im Oktober oder November. Dann, wenn sich die Pflanze oberirdisch schon zurückzieht, steckt die Wurzel voller Heilstoffe. Aus ihr läßt sich eine sehr wirkungsvolle Salbe herstellen, die bei Muskelverspannungen, Zerrungen,Prellungen, Muskelkater, Gelenkproblemen und Brüchen verwendet werden kann.


Dazwischen liegt eine unglaublich vielfältige Zeit, in der man lernen kann, wie Pflanzen sich im Jahreslauf verändern – und was sie jeweils gerade zu bieten haben. Das ist für mich das Faszinierende an der Arbeit mit Wildpflanzen: Sie begleiten uns wirklich durch das ganze Jahr.

Frage 9

Welche regionale Kooperation

oder Projekt hat dich besonders bewegt oder gezeigt, was durch Wildpflanzen möglich ist?

Ein Projekt, das mich wirklich nachhaltig bewegt hat, war die Zusammenarbeit mit dem Waldkindergarten in Surberg. Dort durfte ich die Erzieherinnen und Erzieher begleiten und ihnen zeigen, welche Wildpflanzen rund um den Kindergarten wachsen – vor allem auch, wo mögliche Giftpflanzen stehen, damit sie die Kinder sicher durch die Natur begleiten können.


Mir war es dabei besonders wichtig, nicht nur auf die Gefahren hinzuweisen, sondern auch das Wissen über die essbaren und heilsamen Wildpflanzen weiterzugeben. Gerade im pädagogischen Alltag lässt sich das wunderbar integrieren – sei es beim gemeinsamen Sammeln, Kochen oder in kleinen Naturprojekten.


Ich finde, genau da liegt ein großer Schlüssel: Wenn Kinder schon früh lernen, was um sie herum wächst, was man essen kann, was heilt und was man lieber stehen lässt, dann wächst dieses Wissen ganz selbstverständlich mit ihnen mit. So kann Wildpflanzenwissen wieder ein Teil unseres Alltags werden – nicht nur bei Erwachsenen, sondern wirklich von klein auf. Das war in diesem Projekt sehr schön zu sehen.

Frage 10

Wenn du nur eine Wildpflanze

auf eine einsame Insel mitnehmen dürftest - welche wäre es?

Wenn ich nur eine Wildpflanze auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte, wäre das ganz klar die Brennnessel. Sie ist unglaublich vielseitig und nahezu überall zu finden.


Ernährungstechnisch kann man bei der Brennnessel wirklich fast alles verwenden – die Blätter, die Samen und sogar die Wurzeln. Man kann daraus Salate machen, Pesto, Spinat oder Gemüse zubereiten, und die Samen lassen sich sogar rösten und als Snack genießen. Außerdem ist die Brennnessel sehr reich an wichtigen Inhaltsstoffen wie Vitaminen und Mineralstoffen.


Auch für die Gesundheit ist sie ein echter Allrounder: Sie entgiftet und entwässert den Körper, fördert die Verdauung und stärkt sogar die Haare – sei es als Tee, Tinktur oder äußerlich angewendet. Zusätzlich kann man sie auch als hervorragenden Dünger für andere Pflanzen nutzen. Aus den Fasern der Brennessel kann man starke Seile und Stoffe herstellen (Nesselstoff).


Kurz gesagt: Die Brennnessel ist für mich die perfekte Wildpflanze, weil sie extrem vielseitig ist.


Vielen Dank Irmengard für das interessante Interview!